Historie

Ein Dampfer erlebt Geschichte

dampfer-welle-atlas_1915_0

Etwa im 16.Jahrhundert konnte die Freie Hansestadt Bremen durch die Versandung der Unterweser nicht mehr von Seeschiffen angelaufen werden. Das Handelsgut mußte erst mühsam vom Seeschiff auf flachgehende Leichter umgeschlagen werden, bevor es flußaufwärts zu den Warenhäusern in Bremen gelangen konnte. Eine Änderung der Situation erfolgte 1827 durch die Gründung Bremerhavens, denn diese Stadt an der Nordsee entwickelte sich in der Folgezeit zu einem wichtigen Hafen, vor allem für Fahrten nach den USA. Im ausgehenden 19. Jahrhundert sollte auch das 60 Stromkilometer weseraufwärts gelegene Bremen der internationalen Großschiffahrt zugänglich gemacht werden. Ab 1888 wurden in Bremen mehrere Hafenbecken angelegt und von 1887-1895 die Unterweser nach den Planungen von Oberbaudirektor Ludwig Franzius auf fünf Meter Fahrwassertiefe ausgebaggert. Um diese umfangreichen Strombauarbeiten durchführen zu können, waren 30 Millionen Goldmark, eine eigens geschaffene Verwaltung (das Bauamt für die Unterweserkorrektion) und eine große Anzahl von Spezialfahrzeugen notwendig. Auch nach Abschluß der Arbeiten mußte weiter gebaggert werden, das Bauamt und ein Teil der Flotte blieben daher im Dienst und mit ihrer rot-weiß-roten „Ringelsocken“-Schornsteinmarke prägten sie das Bild auf dem Strom für Jahrzehnte mit.

Als vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges eine weitere Aussenweservertiefung anstand, benötigte man einen dafür geeigneten Bereisungs- und Schleppdampfer. Die Atlas-Werke in Bremen erhielten im Juli 1914 den Zuschlag. Am 11 August 1915 lief der Dampfer vom Stapel und wurde im Oktober desselben Jahres an das “Bauamt für die Weserkorrektion“ abgeliefert. Neben dem Bereisungs- und Schleppdienst wurde die Welle zu weiteren Aufgaben herangezogen, so z. B. In mehreren strengen Wintern, als als die Unterweser vereist war und die Welle recht erfolgreich als Eisbrecher im Einsatz war. Als die Verwaltung der Wasserstraßen nach 1921 an Reichsverkehrsministerium gegangen war, änderte sich für die Welle nicht vielan dem bisherigen Aufgabenspektrum, abgesehen vielleicht davon, dass das Schiff nun auch für die Versorgungsfahrten zu den Leuchtfeuern in der Wesermündung verwendet wurde.

Im Zweiten Weltkrieg fuhr das Schiff zeitweise bei der Kriegsmarine. Nach dem Krieg übernahm schließlich die Wasser- und Schiffahrtsverwaltung des Bundes das Schiff. Am 10 März 1950 unternahm Bundespräsident Theodor Heuss mit der Welle eine Rundfahrt durch die bremischen Häfen. 1957 wurden die maroden Teakholzaufbauten durch einen neuen, stromlinienförmigen Leichtmetallaufbau ersetzt. 1975 außer Dienst gestellt, wurde die Welle zur schwimmenden Gaststätte umfunktioniert. Zwei Brände (1984 und 1986) zerstörten die Aufbauten und die nachfolgenden Reparaturen verunstalteten das Schiff immer mehr, so daß nur noch der Rumpf vom Original erhalten blieb. Im Sommer 1994 sank die Welle an ihrem Liegeplatz an der Schlachte. Die Wiederherstellung dieses Schiffes hat sich nunmehr der Verein “Dampfer WELLE e.V.” auf seine Fahnen geschrieben.

Dr. Christian Ostersehlte